Cannabidiol - Über den aktuellen Forschungsstand zum medizinischen Einsatz von CBD

Cannabidiol rückt mehr und mehr in den Fokus der Forschung, obwohl die Rechtslage in Deutschland immer noch ungeklärt ist. In den meisten Sorten der Cannabis Sativa ist CBD sogar das zweithäufigste Cannabinoid, obwohl es im Laufe der Jahre in der Zucht dem THC Gehalt geopfert wurde. Häufig enthalten Cannabisblüten heute 22% THC oder mehr, jedoch nur noch ein Prozent des Gegenspielers CBD. Warum ein ausgeglichenes Verhältnis für manche Patienten förderlich ist, wie sich die beiden Cannabinoide beeinflussen und vieles mehr, findet ihr in diesem Artikel.


Warum nicht in der Apotheke?

Der Grund, aus dem es in deutschen Apotheken keine Fertigarzneimittel mit CBD gibt, ist hausgemacht. CBD ist momentan als Novell Food zugelassen, was gegenüber den letzten Jahren schon ein Schritt in die richtige Richtung ist, denn es werden dringend Regelungen benötigt. Das Problem ist allerdings, dass diese Einstufung mit Sicherheit nicht viel zu tun hat, dafür aber nicht aufwändig und teuer kontrolliert werden muss. Denn bei Novell Food gilt – es ist solange safe, bis jemand das Gegenteil beweist. Bei Medikamenten ist es umgekehrt, und so kann man sich vorstellen, dass viel Geld fließen müsste, bis man CBD als Arzneimittel in die Apotheken bringen kann.
Verkäufer und Endverbraucher brauchen dringend adäquate Gesetze, in denen sie sich bewegen dürfen, und dafür hat der EU-Gerichtshof mit seinem Urteil, CBD NICHT ALS RAUSCHMITTEL einzustufen einen Grundstein gelegt. Da CBD tatsächlich eine sehr geringe Rezeptoraffinität zu CB1 und CB2 hat, besitzt es keine Rauschwirkung. Der Rausch wird ausschließlich vom THC verursacht, welches an den CB1 Rezeptor im Zentralnervensystem bindet. Kein Grund also, CBD politisch auszubremsen.
Die Cannabispflanze und ihre Inhaltsstoffe, gehören generell in professionelle Hände, denn sie besitzt über 500 davon. Allein Cannabinoide gibt es über 140 Stück, und das ist nur der aktuelle Wissensstand. Außerdem enthält Cannabis Sativa über 400 weitere Substanzen, wie Terpene und Flavinoide. Die Konzentration und Kombination dieser, macht die unterschiedlichen und teils sehr spezifischen Wirkungen der einzelnen Sorten aus, welche zusätzlich noch von Alter, Wachstumsbedingungen, Erntezeit und Lagerbedingungen abhängen. Es werden also gleichbleibende Bedingungen für stabile Cannabisprodukte benötigt, und eine weitreichende Forschung, damit die unzähligen Kombinationen und Interaktionen nutzbar gemacht werden können. Denn diese steckt bei weitem noch in den Kinderschuhen.

Forschungsgeschichte

Warum die Forschung und damit die Politik bezüglich Cannabis noch in den Kinderschuhen steckt, erklärt sich über die folgenden Fakten:

1960/70: - stärker Anstieg von Studien, Interesse entstand
1940er: - CBD wird erstmals isoliert
1963: - chemische Struktur von CBD wird entschlüsselt
1964: - THC wird isoliert
1970er: - erste Tests zur Wirkung von Cannabis werden durchgeführt
- erstmals Ideen zum Entourageeffekt
1990er: - Entdeckung von CB1 und CB2 Rezeptor
- Entdeckung von Anandamid (körpereigenes Cannabinoid )

Wie wirkt CBD im Körper
Dass CBD nicht an die Cannabinoidrezeptoren bindet, wissen wir inzwischen. Aber wie soll ein Cannabinoid seine Wirkung dann entfalten, fragt man sich... Die Antwort lautet: CBD ist ein Tausendsassa. Es wirkt auf ca 20 verschiedene Rezeptoren, von denen einer beispielsweise der 5HTa Rezeptor ist; es ist der Serotoninrezeptor. Doch auch dort löst es selbst keine Wirkung aus, sondern sorgt dafür, dass die Konzentration der Neurotransmitter (Botenstoffe wie zB Serotonin, Dopamin, GABA und Glycin) und Endocannabinoide (körpereigene Cannabinoide wie Anandamid) erhöht wird. Man nennt diese Wirkungsweise Modulation.

Indikationen und Dosierung
Epilepsie: Es gibt seit geraumer Zeit ein Medikament gegen Epilepsie, welches auch für Kinder zugelassen ist. Es beinhaltet als Wirkstoff einzig CBD, und ist inzwischen auch in Europa zugelassen

Anxiolyse: Es gibt ältere, und brandneue Studien zur anxiolytischen Wirkung von CBD, die überraschende Ergebnisse liefern. CBD hat eine anxiolytische Wirkung, die der von Benzodiazepinen und Antidepressiva in nichts nachsteht. Hinzu kommt, dass es pflanzlich und beinahe Nebenwirkungsfrei ist. Natürlich gibt es pflanzliche Alternativen, diese sind in ihrer Wirkstärke bei weitem nicht ausreichend. Baldrian, Johanneskraut und Lavendel haben zweifellos entspannende Eigenschaften, doch für eine Angststörung oder PTBS sind ihre Mechanismen einfach nicht stark genug. Abgesehen davon hat Johanneskraut ein sehr starkes Wechselwirkungsprofil.
Inzwischen ist die angstlösende Wirkung sogar mit einem Bildgebenden Verfahren betätigt worden, und zwar in einem SPECT; einer Einzelphotonen Emissionscomputertomographie. Dort zeigte das ZNS eine deutlich verringerte Angstreaktion. Zu ähnlichen Ergebnissen kam man mit einem funktionellen MRT (Magnetresonanztomographie); das limbische und paralimbische System reagierte auf dieselbe Weise wie unter anderen Anxiolytika, deren Wirkung schon länger bewiesen ist.
Da CBD sublingual eingenommen innerhalb kürzester Zeit wirkt, ist es prädestiniert als Notfallmedikament. Es ist einfach einzunehmen, wirkt schnell, und es gibt keine Gefahr der versehentlichen oder missbräuchlichen Überdosierung, da es keinen Rausch hervorruft, und hohe Dosen ungefährlich sind.
Psychosen: Ein ganz neues Feld für den Einsatz von CBD sind Psychosen. Es ist so wirksam wie Antipsychotika, hat aber beinahe keine Nebenwirkungen. Das ist eine wirklich gute Nachricht, da die meisten Antipsychotika stark sedieren, Gefühle unterdrücken und andere Nebenwirkungen mit sich bringen, die zwar die Psychose lösen, das Leben ansonsten aber nicht lebenswerter machen.
Ketamin Depersonalisierung: Ketamin ist ein Medikament, das als Analgetikum und Anästhetikum Verwendung findet. Es führt zu einer Dissoziation, die in manchen Fällen nicht gewünscht ist – hier kommt CBD ins Spiel. CBD hilft schon in geringen Dosen der Depersonalisierung (Form der Dissoziation) entgegen. Einen ähnlich regulierenden Effekt hat es übrigens auch auf THC. Bei einem Hangover hilft CBD beim “runterkommen”.

Schlaf: Beim Schlaf beobachten wir eine dosisabhängige, biphasische Wirkung. Nimmt man eine geringe Dosis CBD ein, ist dies eher aufhellend und belebend. Eine Sedierung ist erst bei hohen Dosen festzustellen.
Dosierung:
- eine niedrige Dosis von 15mg wirkt aufhellend und dem THC Hangover entgegen
*dies kann vor allem für Patienten genutzt werden, die THC-haltige Medikamente einnehmen. Gerade wenn noch keine Gewöhnung besteht, kann THC, gerade in höheren Dosen, Angst und Unruhe auslösen. In einem Vollspektrumextrakt, oder einer Blüte, ist das THC automatisch durch CBD gepuffert, doch die THClastigen Züchtungen, die es inzwischen auf 22-25% THC bringen, haben ihr gesundes Gleichgewicht verloren, und besitzen meist nicht mehr als 1% CBD.
- eine Dosis von 1mg pro Körpergewicht wirkt ebenfalls aufhellend, und wird somit als niedrig angesehen
- eine Dosis von 160mg verlängert die Schlafdauer bei Insomnie, und gilt als hohe Dosis
- eine Dosis von 300 - 600mg wirkt sedierend und angstlösend
- eine Dosis von 100mg oder 900mg hat keine angstlösende Wirkung, warum ist noch nicht bekannt
- Eine sichere Anwendung findet bis zu einer Dosierung von 27mg pro kg Körpergewicht statt
*es ist wichtig zu wissen, dass Monopräparate ausschließlich CBD , aufgemischt mit einem Speiseöl (Trägeröl) enthalten, Vollspektrumextrakte jedoch das ganze Spektrum, also alle Inhaltsstoffe, der Pflanze enthalten. Da diese sich gegenseitig beeinflussen (Entourage Effekt), ist zu einem Vollspektrumextrakt zu raten.
Leider ist CBD, außer in Epidiolex und Sativex in Deutschland nicht verschreibungsfähig, weil es als Novelfood eingestuft wurde. Bleibt die Möglichkeit, sich als Patient selbst mit CBD zu versorgen, doch wie erwähnt, ist die rechtliche Lage unklar, ganz zu schweigen von Preisen, die sich die meisten Patienten nie leisten könnten. Eine 10ml Flasch mit 10%igem CBD Öl kostet online ca 50Euro, im Einzelhandel von 60 Euro aufwärts. Betrachtet man die benötigten Dosen, wird klar, dass man für eine adäquate Anxiolyse ca alle drei Tage eine neue Flasche kaufen müsste. Das ist der blanke Wahnsinn.
Anwendung: Da Cannabinoide oral eingenommen schlecht bioverfügbar sind (Aufnahme von 8%), sollte man sie unbedingt sublingual einnehmen. Zu diesem Zweck tropft man sich die gewünschte Dosis unter die Zunge, wo sie sofort über die Schleimhäute aufgenommen wird. Das Öl kann man nach 5 Minuten schlucken, allerdings gibt es noch keine Studien dazu, wie lange es dauert, bis die gesamte Dosis aufgenommen ist. Wer die Ruhe hat, sollt die Tropfen also ruhig solange im Mund lassen, wie es geht. Natürlich kann CBD auch gegessen, verdampft oder geraucht werden; allerdings mit hohen Verlusten.
Nebenwirkung:
Als einzige Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit, Durchfall und ein niedriger Blutdruck bekannt, denn für die meisten Nebenwirkungen beim herkömmlichen Cannabiskonsum, ist das THC verantwortlich. Die WHO bescheinigt CBD ein gutes Sicherheitsprofil, und eine gute Verträglichkeit.
Wechselwirkung:
Da Cannabidiol einen Cytocrom Subtypen vom Namen P450 (Protein mit enzymatischen Eigenschaften) hemmt, mit dem auch viele andere Medikamente interagieren (ca 60% der Xenobiotika, welche chemische, nicht natürlich gebildete Stoffe sind, zB Antibiotika). Dadurch werden Medikamente teils langsamer abgebaut, und es bedarf einer Dosisanpassung. Zusätzlich verlangsamt CBD nämlich den Abbau dieser Medikamente in der Leber.

Quelle:
Die Daten und Fakten sind dem Vortrag des Dr Kratz entnommen, welchen er auf dem Medical Cannabis Congress 2021 gehalten hat.
Es handelt sich um den aktuellen Stand.